Kategorie-Archiv: Dokumentation

Eine Konferenz ist mehr als tausend Worte.

Von  Walerij Lobanowskyj.

support_sokowu

 

Zuerst veröffentlicht auf der Homepage des Soli-Komitees Wuppertal, so_ko_wpt.

 

Am 26. und 27.April fand in Wuppertal die Konferenz #cross_solidarity statt, bei der die Rosa Luxemburg Stiftung NRW mit internationalen Gästen über «transnationale Solidarität in der Krise» diskutierte. Bis zu 120 Teilnehmende beteiligten sich in mehreren Workshops an einer Zustands- und Zukunftsbeschreibung internationaler Solidarität.


Die Krisen sind international, ist es die Solidarität auch (noch)?

So oder ähnlich könnte die Ausgangsfrage zur zweitägigen Tagung im Wuppertaler ADA beschrieben werden, die sich vor dem geschichtlichen Hintergrund eines linken Fetischs – der ewig hochlebenden internationalen Solidarität – auf die Suche machen wollte nach heutigen solidarischen Ansätzen, die die Grenzen der Staaten überschreiten. Doch damit nicht genug: #cross_solidarity sollte auch damit beginnen, diese Ansätze, so sie denn gefunden würden, zusätzlich thematisch miteinander zu verschränken.

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Video: Wo hakt es bei der transnationalen Kooperation? – Interviews mit Aktivist_innen

 

Obstacles and prospects of international cooperation
[Subtitles en+de]

Interviews mit Aktivist_innen am Rande der Konferenz «#cross_solidarity – Internationale Solidarität in der Krise» in Wuppertal, 27.4.2013 / Interviews with activists at the conference «#cross_solidarity – international solidarity in the crisis» in Wuppertal, April, 27th 2013
http://www.cross-solidarity.net
http://www.rosalux.de/documentation/4…
Mit / with:
• Heiner Köhnen (Transnational Information Exchange (TIE, Frankfurt am Main):
• Zoltán Somogyvári (Migrant Solidarity, Budapest)
• Sinda Garziz (Article 13, Tunis)
• Knut Unger (MieterInnenverein Witten / Habitat Netz e.V. / Reclaiming Spaces)
• Federico Pacheco (Sindicato Andaluz de Trabajadores (SAT) — Landarbeitergewerkschaft Andalusien)
• Annie Pourre (NoVox – transnationaler Zusammenschluss derer Ohne Stimme), DAL (Droit au logement)
• Merve Cevik (İMECE Toplumun Şehircilik Hareketi — Städtische Soziale Bewegung)

 

«Jetzt können wir los, jetzt endlich mal Europa sehen!» Bericht zum Workshop:«Boats 4 People – Karawane für Bewegungfreiheit in Tunesien und Monitoring im Mittelmeer»

#cross_solidarity - Internationale Solidarität in der Krise

 Von Erwin Heil.

«Revolution für Bewegungsfreiheit»

Riadh Ben Ammar hat ein Theaterstück geschrieben, in dem er die Zeit vor und nach der Revolution in Tunesien beschreibt. Für ihn, der 1999 mit einem Arbeitsvisum nach Deutschland reisen durfte, ist es ein Stück politische Aufklärung und ein Versuch miteinander ins Gespräch zu kommen. Riadh thematisiert darin eine Vielzahl der Wege der Freiheitssuche, die mit der Revolution eine neue Qualität bekommen haben. Neben dem Kampf gegen die Diktatur war die Revolution auch ein Kampf gegen das weltweite Migrationsregime. Lautmalerisch beschreibt er die beklemmende Situation während der Diktatur und der Wunsch nach Reisen auf den europäischen Kontinent. Er erzählt von der Stimmung nach dem Sturz von Ben Ali: «Viele jungen Leute sagten sich: ‹Jetzt können wir los, jetzt endlich mal Europa sehen!› Viele denken, die wollen nach Europa, um Arbeit zu suchen. Das stimmt überhaupt nicht! Sie kommen hierher, um Europa zu sehen» Riadh ist sich sicher: Viele Leute, die migriert sind, würden auch wieder zurückgehen, wenn es ihnen möglich wäre. Er betont die Funktion der Grenze in beide Richtungen: «Die Grenze ist nicht nur zu, wenn man raus will, sie ist auch zu, wenn man wieder zurück will»

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Videodokumentation der #cross_solidarity-Auftaktveranstaltung “Internationalismus?… Cross-Solidarity?… Die Praxis zählt! Ein Blick zurück mit Perspektive”

In den 1980er und 90er Jahren bezog sich die internationale Solidarität vor allem auf Bewegungen im globalen Süden. Die Ausbeutungsmechanismen der Weltwirtschaft wurden analysiert, gegen die Festung Europa agitiert und Solidaritätsbrigaden nach Nicaragua geschickt — nur um ein paar Beispiele zu nennen.

Spätestens seit Ende der 90er Jahre stellt die Politik in der Europäischen Union die Reste der alten Internationalismus-Bewegung in Deutschland vor neue Herausforderungen und brachte Akteure wie die Europäischen Märsche gegen Erwerbslosigkeit hervor. In den letzten Jahren, mit dem offenen Ausbruch der kapitalistischen Krise (auch) in Europa, entstanden Initiativen wie M 15, Blockupy oder Occupy Wallstreet. Cross-Solidarity ist mit den Austeritätsprogrammen, die Griechenland und anderen südeuropäischen Ländern auferlegt wurden, heute auch innerhalb Europas Thema.

Die Legitimität der kapitalistischen EU-Politik, die sogar die bürgerlich-demokratischen Grundordnungen in den Mitgliedsstaaten unterminiert und deutlich autoritäre Züge trägt, wird durch immer mehr Menschen in Frage gestellt. Auch politische Kräfte am rechten Rand versuchen, von der sozialen Krise zu profitieren. Ausgerechnet jetzt ist der Prozess der Europäischen Sozialforen — nirgends gab es mehr Austausch und Vernetzung von emanzipatorischen Organisationen und Bewegungen aus den verschiedensten Ländern Europas — ins Stocken geraten.

Wo sind die konkreten Projekte transnationaler Solidaritäts- und Organisierungsarbeit heute zu finden? Wie können wir einen Gegenpol zum den erstarkenden rechten Kräften bilden? Welche Möglichkeiten existieren, die Kämpfe gegen Sozialabbau, Rassismus und kapitalistische Weltwirtschaft miteinander zu verknüpfen? Gibt es die Notwendigkeit, die Europäischen Sozialforen wieder zu beleben und welchen Gebrauchswert zur Vernetzung der Protest- und Widerstandsbewegungen könnte der „Alter Summit” in Athen haben? Und nicht zuletzt: Was sind die Motive unseres eigenen Engagements in solidarischen Kampagnen? Vor dem Hintergrund ihrer praktischen Erfahrungen werden die ReferentInnen diese — und andere — Fragestellungen reflektieren.

Mit Kelly (Blockupy Frankfurt /Interventionistische Linke), Angela Klein (Europäische Märsche gegen Erwerbslosigkeit und Ausgrenzung), Klaus Hess (Informationsbüro Nicaragua, Wuppertal), Christos Giovanopoulos ( (Dikaioma / Solidarity4all, Athen)

Moderation: Gerhard Klas (Journalist, Köln)

Bericht zum Workshop: ORGANISIERUNG DER BELEGSCHAFTEN IN TRANSNATIONALEN KONZERNEN UND GLOBALEN PRODUKTIONSKETTEN

#cross_solidarity - Internationale Solidarität in der Krise

Von Melanie Stitz.

Organisierung der Belegschaften in transnationalen Konzernen  und globalen Produktionsketten

Gerade in Krisensituationen, wenn Kosten gesenkt und Arbeitsplätze abgebaut werden sollen, werden Belegschaften von Konzernbetrieben gegeneinander ausgespielt. Das Management macht Zusagen zur Investition dann z.B. nur noch, wenn die Betriebsräte ihrerseits Zugeständnisse machen. Wie kann dagegen Widerstand organisiert werden? Wie kann man der Standortkonkurrenz entgegenwirken? Welche Rolle spielt der Austausch zwischen Beschäftigten verschiedener Standorte, wie ihn z.B. die Organisation Transnationals Information Exchange (TIE) organisiert? Wie können Beschäftigte im Einzelhandel, die ProduzentInnen und KonsumentInnen gemeinsam handeln?

Bei Opel, aber auch in anderen Branchen wie etwa bei den ChemiearbeiterInnen gab und gibt es unterschiedliche Versuche, Widerstand gegen die Standortkonkurrenz und gegen die Zumutungen des Konzernmanagements zu organisieren. Dabei spielen sowohl politische Diskussionen innerhalb den Belegschaften der jeweiligen Produktionsstandorte eine Rolle als auch der Austausch der Belegschaften verschiedener Standorte untereinander. Nicht zuletzt gibt es immer wieder auch den Versuch von europäischen Betriebsräten, die Erarbeitung einer Gemeinsamen Linie auf europäischer und internationaler Ebene zu organisieren. Diese Prozesse sind oft von scharfen Konflikten nicht nur zwischen Management und Belegschaften, sondern auch zwischen Betriebsräten verschiedener Standorte sowie zwischen Betriebsräten und Belegschaften geprägt. Was funktioniert an Instrumentarien (EU-Betriebsräte, internationale Gewerkschaftsabkommen usw.), wenn es in der Krise ans Eingemachte geht?

Über diese und andere Fragen diskutierten Mohan Mani (Center for Workers Management / CWM – Gewerkschafter aus Indien), Wolfgang Schaumberg (Gegenwehr ohne Grenzen, Betriebsgruppe bei Opel) und der Moderator Heiner Köhnen (Transnational Information Exchange / TIE, Frankfurt am Main). Nese Aksoy (Bekleidungsverkäuferin, Köln) musste ihre Teilnahme leider kurzfristig absagen.

Center for Workers Management / CWM – Gewerkschaft in Indien, Mohan Mani

1.500 NäherInnen sind in den letzten 12 Monaten verbrannt, wurden zerquetscht oder verschüttet. Immer wieder werden Brände und andere Unglücke aus Textilfabriken in Südasien gemeldet. Am 24. April, wenige Tage vor der Konferenz waren 2.400 Menschen beim Einsturz eines achtstöckigen Hauses in Bangladesh verletzt und über tausend Menschen getötet worden, die meisten von ihnen Frauen. Das Haus wurde als Fabrik genutzt – u.a. Zulieferer  des deutschen Textildiscounter Kik und des italienischen Modeunternehmens Benetton ließen dort Kleidung herstellen.

Mohan Mani vom Center for Workers Management in Indien bewertet diesen Einsturz als fahrlässige Tötung. Vorrangiges Ziel der Arbeiter*innenorganisation sei es, die Einhaltung von Brandschutzsbestimmungen zu erzwingen.  Um die Einhaltung von Sicherheitsstandards und Arbeitsschutzbestimmungen zu erzwingen, bedürfe es vor allem der Selbstorganisation an der Basis und in den einzelnen Produktionsstätten vor Ort.  Anschaulich berichtete Mohan Mani von den Widerständen, die dabei zu überwinden sind:  Während die  Auto-Industrie gezwungenermaßen vor Ort produziere, ließen sich Standorte der Textilindustrie viel leichter z.B. in noch ärmere Regionen verlagern. Das Management kann also jederzeit mit  Entlassungen drohen und damit,  den Standort zu verlegen. Hinzu kommt die Schwierigkeit, neben dem Kampf ums Überleben – ein  Lohn allein reicht nicht aus –  auch noch die Kraft und die Zeit aufzubringen, sich zu organisieren. Überwiegend Frauen sind in der Produktion tätig, gerade sie leisten zudem noch den größten Teil der Familienarbeit , versorgen ihre Angehörigen und nehmen sich nicht selten ohnehin schon als „schlechte Mütter“ wahr.

Das Center for Workers Management unterstützt die lokale Organisierung, berät und unterstützt beim Aufbau von Kooperativen und selbstverwalteten Betrieben.  Die Einführung und vor allem Einhaltung von Tarifbestimmungen, Brandschutzbestimmungen, der gesamte Bereich von Arbeitssicherheit und Gesundheit stehen im Zentrum der Arbeit.

Auf die Frage, wie hier transnationale Solidarität geübt werden könne, antwortete Mohan Mani, es gelte, auch in der ersten Welt  vehement für bessere Löhne zu kämpfen. Nur ein „Ende der Bescheidenheit“ verhindere, dass Deutschland weiterhin die Arbeitslosigkeit in andere Länder exportiere. Zudem rechnete er vor: Würden Verbraucher_innen nur 11,5 Cent mehr bezahlen für eine Hose, dann ließe sich der Lohn einer Textilarbeiterin von 20 € im Monat auf 80 € erhöhen.

Transnational Information Exchange / TIE, Frankfurt am Main, Heiner Köhnen

Auf die internationale Solidarität zwischen Beschäftigten entlang der Textil-, Bekleidungs- und Einzelhandelskette setzt TIE (Transnationals Information Exchange) mit der Kampagne exchains, berichtete Heiner Köhnen. Hinter der Kampagne steht ein Netzwerk verschiedener Gewerkschaften in Indien, Bangladesch und Sri Lanka, auch ver.di iund das Bildungswerk des DGB sind mit dabei. Die Kampagne setzt auf die Macht der Information, organisiert  Austausch und direkte Begegnungen und erstellt Info-Materialien. Das Netzwerk entwickelt gemeinsame Forderungen und alternative Benchmarks.

Heiner Köhnen betonte das Verständnis von Solidarität, das der Arbeit von TIE und exchange zugrunde liege. Es gehe um kollegialen Austausch und Vernetzung, nicht um „Hilfe“. Anschaulich berichtete er von gemeinsamen Workshops entlang der Produktionsketten, in denen Kolleg_innen aus Zulieferung, Produktion und Verkauf zusammen kommen und erkennen, dass ihre Arbeit den gleichen Prinzipien unterworfen ist und ihre Problemlagen sich ähneln. In der Folge identifizierten sich bspw. Mitarbeiter_innen von Walmart mit den Belangen ihrer Kolleg_innen in den Zulieferfirmen. Produzent_innen und Verkäufer_innen bei H&M erkannten das Problem der Stundenlöhnerei als ein gemeinsames: erzwungene Überstunden dort und Unterstunden hier als zwei  Seiten derselben Medaille. Auch die Schikanen seitens des Managements ähnelten sich.

Ferner bedürfe es der Solidarität auch zwischen den Filialen: Das Netzwerk regt gegenseitige Besuche und Patenschaften zwischen organisierten und nicht-organisierten Filialen an. Es gebe dabei  immer wieder den Aha-Effekt, zu erkennen, dass die Probleme ähnlich und strukturell bedingt sind.

Gegenwehr ohne Grenzen, Betriebsgruppe bei Opel, Wolfgang Schaumberg

Wolfgang Schaumberg von Gegenwehr ohne Grenzen, einer Betriebsgruppe bei Opel in Bochum, berichtete von standortübergreifenden, transnationalen Vernetzungsversuchen seit den 1980er Jahren angesichts des Vergleichs- und Erpressungsdrucks im General-Motors-Konzern. Damals kursierten in den Betrieben Listen, auf denen die Kosten für eine Arbeitsstunde miteinander verglichen wurden. Die Gefahr, gegeneinander ausgespielt zu werden, lag auf der Hand. Von einer der ersten internationalen Konferenzen Anfang der 1980er in Liverpool kehrte die Betriebsgruppe mit der Idee für ein Flugblatt zurück: Mitarbeiter_innen sollten Ideen zur weiteren Effizienzsteigerung lieber für sich behalten und für „ein Päuschen“ nutzen. Mit Effizienzsteigerung schadet ihr euch nur selbst und erhöht den Konkurrenzdruck, so der Tenor. Dies trug der Gruppe den Vorwurf der Sabotage ein.

Es folgten jährliche Austauschreisen nach Osteuropa, auf die Philippinen, um dort mit Kolleg_innen zusammen zu treffen, nach der Rückkehr die Belegschaften zu informieren und gemeinsame Forderungen in die IG Metall hineinzutragen. Generelle Fragen z.B. im Hinblick auf die Überwindung der kapitalistischen Wirtschaftsweise selbst, kamen dabei zu kurz, merkte Wolfgang Schaumberg selbstkritisch an.

Mittlerweile sei die Anzahl der Mitarbeiter_innen bei Opel von 19.000 Anfang der 1990er Jahre (1992, Quelle http://labournet.de/branchen/auto/gm-opel/ausl-end.html) auf ca. 5.000 (http://www.wir-gemeinsam.eu/opel-bochum-wissenswertes.php) gesunken. Das Durchschnittsalter liege bei 48, viele hätten resigniert oder hofften auf die Pensionierung. Die Zersplitterung der Belegschaften erschwere die Organisierung, die Just-in-Time-Produktion führe dazu, dass viele Kolleg_innen gar nicht wissen, welche Bedeutung ihnen in der Produktionskette zukommt. Zudem stünden „nicht mehr alle Räder still, wenn der starke Arm es will“ – anders gesprochen: Wenn stört es, wenn 4 Tage lang die Produktion ruht? All diese Entwicklungen schwächten die Verhandlungsposition der Arbeiter_innenorganisationen.

Vielleicht sollten Arbeitnehmer_innen sorgfältiger wahrnehmen, was derzeit in China geschieht, wo Arbeiter_innen sich ermächtigen und entschlossene Arbeitskämpfe führen (siehe die Streiks bei Honda), so Schaumberg. Arbeiter_innen in China erführen kapitalistische Ausbeutung in ihrer gröbsten Form, seien zugleich politisch geschult und sprächen bald nahezu alle Englisch. Dies eröffne perspektivisch neue Möglichkeiten für transnationalen Austausch und gemeinsame Organisierung.

Diskussion über die Rolle der Gewerkschaften

Im Anschluss an die Beiträge auf dem Podium wurde vor allem auch über die Rolle der Gewerkschaften diskutiert. Sei es nicht notwendig, auch auf transnationaler institutioneller Ebene zu agieren? Seien die hier zu erzielenden Erfolge nicht viel wirkungsvoller, weil flächendeckend verbindlicher, als lokale Graswurzelinitiativen?

TIE „warte nicht auf die Gewerkschaften“, sondern gehe direkt in die Betriebe. „Masterorganisationen machen uns nicht zwangsläufig stärker“, so Heiner Köhnen, der von unterschiedlichen Erfahrungen mit verschiedenen Gewerkschaftskulturen berichtete und Kritik an der zögerlichen Haltung der IGM formulierte. Diese  sei nicht einmal als Verbündete in Fragen von Brandschutzbestimmungen zu gewinnen gewesen. Die Vorstellung, politische Aktionsformen müssten sich erst „hoch entwicklen“ hin zu höheren und vermeintlich einflussreicheren Ebenen, beschrieb Heiner Köhnen als problematisch.  Er arbeite mit einem weniger hierarchischen und eher „flüssigen Modell“ von Bewegung.  

Mohan Mani erklärte, warum seiner Ansicht nach der Aufbau von Basisgewerkschaften besonders wichtig sei. Lippenbekenntnisse auf Internationaler Basis gibt es schon zur Genüge –  es  scheitere eher  an der Umsetzung vor Ort. Genau dort brauche es also kämpferische Belegschaften.

Wolfgang Schaumberg kritisierte, dass auch die Gewerkschaften letztendlich die Standortkonkurrenz forcierten, in dem sie das Wir in einem engeren Sinne beschwörten: WIR bei Opel, WIR in Deutschland….Auch die Gewerkschaften setzten weiter auf Wettbewerbsfähigkeit und die  Steigerung der Profitrate, weit davon entfernt das Auto selbst als fragwürdiges Produkt zu diskutieren. Anstatt die Krise und ihre systemimmanenten Ursachen zu analysieren,  argumentierten die Gewerkschaftsfunktionäre oft wie das „bessere Management“. Um kritischeren Stimmen Gehör zu verschaffen, müsse die dysfunktionale Stellvertreterpolitik überwunden werden: Es brauche eine kraftvolle Politik von unten, so  Wolfgang Schaumberg.

Angesichts einer Produktionsweise, die zunehmend von Zersplitterung und Outsourcing gekennzeichnet ist, falle es auch den Unternehmen immer schwerer, noch glaubwürdig eine Corporate Identity herzustellen – ein ungewollter Effekt der Prekarisierung. Stattdessen werde in den politischen Debatten nun stärker an die Nationalidentität appelliert („Wir in Deutschland“  gegen „die faulen Griechen“…). Es sei deshalb wichtig, dieser Tendenz zum Chauvinismus die Klassen-Perspektive entgegenzusetzen und ein Klassenbewusstsein (wieder) zu entwickeln, dass nationale Grenzen überschreite.

Zustimmung erhielt diese Position u.a. von einer blockupy-Aktivistin aus dem Publikum: Genau darauf ziele auch die Mobilsierung  für Ende Mai 2013 nach Frankfurt.

 

Bericht und Video zum Workshop: FRONTEX, europäisches Grenzregime und antirassistische Netzwerke gegen Abschiebung und für Bewegungsfreiheit

#cross_solidarity - Internationale Solidarität in der Krise

 Von Koray Yılmaz-Günay.

 Der Workshop beschäftigte sich zum einen mit dem Begriff und dem Wesen von Grenzen, denen im Bereich der Flüchtlingssolidarität eine besondere Bedeutung zukommt, und zum anderen mit den Bedingungen für eine gelinge transnationale Vernetzung gegen diese bzw. trotz dieser Grenzen. Mit Marion Bayer (Welcome 2 Europe, Frankfurt am Main) und Zoltán Somogyvári (Migrant Solidarity, Budapest) berichteten zwei ausgewiesene Expert_innen von der Arbeit an den Außengrenzen der Europäischen Union und den Routen, die Menschen nehmen, nachdem es ihnen gelungen ist, diese Außengrenzen zu überschreiten. Der EU-«Grenzschutz»-Agentur Frontex kommt in diesem Kontext eine stetig wachsende Bedeutung zu, da anders als die Summe, die für Flüchtlinge ausgegeben wird, die Kompetenzen und das Budget von Finanzierungsperiode zu Finanzierungsperiode ausgebaut werden.

Der Wesenswandel, den nationalstaatliche Grenzen in den letzten Jahren innerhalb der EU durchgemacht haben, führt dazu, dass Aufgaben von Binnen-Staaten an die Außengrenzen ausgelagert werden, wo durch die Erstregistrierung, die Abnahme von Fingerabdrücken etc. das Recht auf Bewegungsfreiheit für viele endet. Die zum Teil menschenunwürdigen Bedingungen in Griechenland haben zwar dazu geführt, dass seit 2011 dorthin keine Rückschiebungen mehr durchgeführt werden dürfen, allerdings trifft dies für andere Länder, in denen ähnlich desolate Bedingungen herrschen, nicht zu. Geflüchtete Menschen, die Malta, Italien, Zypern, Spanien etc. verlassen, weil sie sich bessere Lebensbedingungen in einem anderen Land erhoffen oder dort auf den Rückhalt von Familienmitgliedern oder anderen Netzwerken hoffen können, werden aufgrund der Dublin II-Übereinkunft regelmäßig auf das Land der EU zurückverwiesen, das sie zuerst betreten haben. Weitere Länder aus diesem System herauszulösen – etwa auch durch Länderberichte oder individuelle Klagen – wurde als ein aktuelles Ziel von Aktivismus gekennzeichnet.

Anzuknüpfen, darin waren sich alle einig, ist dabei an die Erfahrungen der Protestbewegungen geflüchteten Menschen selbst, die sich in einigen Ländern der EU erfolgreich formiert haben, aber auch an andere Protestformen und -bewegungen (etwa von anderen, deren Bewegungsfreiheit eingeschränkt wird – z.B. Studierende in Ungarn, Hartz-4-Betroffene in Deutschland). Informelle transnationale Netzwerke bieten sich gerade dort an, wo es darum geht, häufig und schnell wechselnde Routen «abzusichern» bzw. Orts-, Sach- und Sprachkompetenz zu besitzen. Sprachbarrieren tauchten als Problematik für viele der Teilnahmenden an verschiedenen Stellen auf und mussten überwunden werden. Sowohl die Einrichtung von Sprachkursen für Flüchtlinge als auch das Erlernen von Sprachen im Spektrum der solidarischen Gruppen und die Einrichtung von «Brückenpersonen» wurden im Workshop erörtert. Vor allem das Falschverstehe bzw. die Verlangsamung von Prozessen durch Übersetzung ist etwas, das auch in transnationaler Organisierung als Problematik enthalten ist.

Schließlich fand im Workshop ein Austausch zu der Frage statt, wie angesichts der der über-großen Kontextbedingungen (internationale Arbeitsteilung, Ausbeutung von Natur, Rassismus und Neonazismus in den europäischen Staaten, machtvolle und ressourcenstarke Migrationsverhinderungspolitik und -maßnahmen etc.) Einschätzungen zu Erfolg/Misserfolg von Organisierung, Arbeits- und Kommunikationsweisen, Erfahrungs-, Wissens- und Kontaktetransfer aussehen können. Hier zeichnete sich ein großer Bedarf zur weiteren Thematisierung/transnationalem Austausch ab. Die Verschränkungen des jeweils Lokalen mit dem Transnationalen ergibt sich – trotz der sachlichen Notwendigkeit – nicht von allein, sondern muss immer wieder neu hergestellt und aufrechterhalten werden.

Videodokumnetation auf Youtube:

 

Internationaler Solidaritätsspaziergang durch Duisburg-Bruckhausen – Fotos und Bericht

Während des Spazierganges und beim anschließenden Mittagessen im Gemeindehaus gab es Gelegenheit zum Austausch zwischen Anwohner_innen und Aktivist_innen über die bereits seit Jahrzehnten währenden zermürbenden Auseinandersetzungen, die Erschöpfung und Resignation vieler Anwohner_innen aber auch die Hartnäckigkeit und Kreativität jener, die sich z.B. nach wie vor weigern ihre Wohnungen zu verlassen, auch wenn der Bagger schon die Nebenhäuser einreißt. 

Es bot sich zudem auch die  Möglichkeit zu einem kurzen Gespräch in der offenen Planungswerkstatt. Dort entwickeln  Anwohner_innen und Studierende aus Weimar gemeinsam einen Gegenentwurf zum sogenannten “Grüngürtel”-Projekt und sammeln so Erfahrungen mit einem basisdemokratischen Planungsansatz: www.survival-kit-duisburg-nord.de

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